Machtmissbrauch in der Medizin
- 21. Apr.
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 23. Apr.
Auswirkungen auf Patientensicherheit und Patientenschutz
Aus Sicht von Fokus Behandlungsfehler e.V.
Machtmissbrauch zwischen Ärztinnen und Ärzten stellt ein strukturelles Problem im Gesundheitswesen dar, das weit über interne Arbeitskonflikte hinausgeht. Wie sowohl die aktuelle Petition von PD Dr. Kara Krajewski als auch die alarmierenden jüngsten Umfrageergebnisse des Marburger Bundes zum Thema verdeutlichen, sind viele medizinische Einrichtungen von hierarchischen Strukturen geprägt, die für Ärzt: innen zu einem Arbeitsumfeld führen können, das von Angst, Druck und eingeschränkter Kommunikationsfreiheit geprägt ist.
"Macht ist nicht neutral – sie wirkt. Und sie wirkt umso stärker dort, wo Abhängigkeit besteht.“ Dr. Susanne Johna, 1. Vorsitzende des Marburger Bundes; Pressemitteilung vom 14.04.2026)
Diese internen Machtstrukturen sind kein rein berufsständisches Problem, sondern betreffen als Folge auch unmittelbar die Sicherheit und den Schutz von Patientinnen und Patienten.
1) Behandlungsqualität unter Stress
Die Ergebnisse der Umfrage des Marburger Bundes von Februar/März 2026 zeigen deutlich, dass viele Ärztinnen und Ärzte unter erheblichem Druck arbeiten und sich unwohl damit fühlen. Neben hoher Arbeitsbelastung spielt auch die Angst vor Sanktionen, vor negativen Bewertungen oder dem Bloßstellen vor Kollegen eine große Rolle.
In belastenden Arbeitsumfeldern ist die Behandlungsqualität nachweislich beeinträchtigt. Mobbing, hoher Druck und personelle Überlastung können zu Konzentrationsfehlern, Erschöpfung und langfristig auch zu Burnout führen. In solchen Situationen sinkt nicht nur die individuelle Leistungsfähigkeit, sondern auch die Qualität der Teamarbeit.
Studien zeigen, dass überlastete Teams deutlich anfälliger für Fehler sind. Für Patient:innen entsteht dadurch ein erhöhtes Risiko, nicht optimal oder sogar fehlerhaft behandelt zu werden.
2) Speak Up
Medizin ist Teamarbeit. Eine qualitativ hochwertige Behandlung basiert auf offener Kommunikation, gegenseitiger Kontrolle und der Möglichkeit, konstruktive Kritik zu äußern. Nur wenn alle Beteiligten im Behandlungsteam ihre Beobachtungen und Bedenken frei einbringen können, lassen sich Risiken frühzeitig erkennen und Fehler vermeiden. Werden diese grundlegenden Prinzipien jedoch durch starre Hierarchien oder Machtmissbrauch eingeschränkt, steigt das Risiko für Behandlungsfehler erheblich.
„Speak up“ bedeutet, dass medizinisches Personal Bedenken, Unsicherheiten oder potenzielle Fehler jederzeit offen ansprechen kann, unabhängig von Hierarchieebenen. In einem Umfeld, das durch Machtmissbrauch geprägt ist, wird dieses sogenannte „Speak Up“ jedoch häufig unterdrückt. Fehlentscheidungen bleiben unwidersprochen, Entscheidungen von Vorgesetzten werden oft nicht hinterfragt, selbst wenn berechtigte Zweifel bestehen, aus Angst vor persönlichen negativen Konsequenzen.
Insbesondere Ärztinnen und Ärzte in unteren Hierarchieebenen oder Pflegepersonal verzichten als Folge oft darauf, kritische Hinweise zu äußern. Dies führt dazu, dass Risiken nicht rechtzeitig erkannt und vermieden werden, falsche Diagnosen gestellt oder ungeeignete Therapien durchgeführt werden – mit direkten Folgen für die Patientensicherheit und einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für vermeidbare Behandlungsfehler.
3) Vertuschung von Fehlern
Ein besonders kritischer Aspekt ist das bewusste Verschweigen oder Verschleiern von Fehlern.
In hierarchisch geprägten Systemen besteht neben den Vorbehalten, Vorgesetzte auf Fehler oder Alternativen hinzuweisen, zusätzlich ein erhöhtes Risiko, dass Behandlungsfehler aus Sorge vor persönlichen Sanktionen oder beruflichen Nachteilen nicht offen angesprochen oder dokumentiert, im schlimmsten Fall vertuscht, werden.
Diese Intransparenz verhindert nicht nur die Aufarbeitung einzelner Vorfälle, sondern auch das Lernen aus Fehlern auf systemischer Ebene. Für betroffene Patientinnen und Patienten bedeutet dies häufig, dass sie keine vollständige Aufklärung erhalten und ihre Ansprüche auf angemessene Nachsorge oder Entschädigung erschwert oder gar verhindert werden.
4) Organisationsverantwortung
Machtmissbrauch ist nicht ausschließlich als individuelles Fehlverhalten zu betrachten, sondern auch Ausdruck struktureller Defizite innerhalb medizinischer Organisationen. Kliniken und andere Einrichtungen tragen eine klare Verantwortung dafür, Rahmenbedingungen zu schaffen, die sichere Arbeitsprozesse ermöglichen. Führungskräfte prägen die Kommunikationskultur maßgeblich und entscheiden darüber, ob Kritik zugelassen oder unterdrückt wird und wie mit Fehlern umgegangen wird. Ohne eine aktive Annahme dieser Organisations- und Personalverantwortung bleibt eine Verbesserung der Patientensicherheit kaum erreichbar.
5) Wandel in der medizinischen Fehlerkultur
Eine moderne Fehlerkultur zeichnet sich durch Offenheit, Lernbereitschaft und eine systemische Betrachtung von Fehlerursachen aus. Machtmissbrauch steht diesem notwendigen Wandel entgegen, da er Schuldzuweisungen begünstigt und Angst vor Konsequenzen erzeugt.
First und Second Victims
Behandlungsfehler betreffen nicht nur die Patientinnen und Patienten („First Victims“), sondern auch die beteiligten medizinischen Fachkräfte („Second Victims“). Während Patient:innen häufig unter gesundheitlichen und psychischen Folgen leiden, erleben auch Ärzt:innen erhebliche emotionale Belastungen. Eine offene und ehrliche Kommunikation kann beiden Gruppen helfen, die Situation besser zu verarbeiten. Machtmissbrauch verhindert jedoch oft diese Offenheit, wodurch sowohl die Belastung der Betroffenen und Verursachenden, als auch die Wahrscheinlichkeit weiterer Fehler steigt.
Zudem wird verhindert, dass Fehler als Ausgangspunkt für Verbesserungen genutzt werden können. Für die Patientensicherheit hat dies gravierende Folgen, da bekannte Risiken bestehen bleiben und sich wiederholen können.
Aus der proaktiven Ansprache von Ärztinnen und Ärzten wissen wir bei Fokus Behandlungsfehler e.V., dass viele einen Wandel in der medizinischen Fehlerkultur begrüßen würden.
Viele von ihnen äußern ausdrücklich den Wunsch, transparenter mit Fehlern umgehen zu können. Einerseits, um offener mit betroffenen Patientinnen und Patienten über entstandene Behandlungsfehler sprechen zu können, andererseits, um diese systematisch zur Prävention aufzuarbeiten. In der Praxis sehen sie sich jedoch häufig durch strukturelle Hürden eingeschränkt. Dazu zählen insbesondere hierarchischer Druck durch Vorgesetzte, Zeitmangel sowie organisatorische Rahmenbedingungen, die eine offene Fehlerkommunikation erschweren oder sogar verhindern.
Diese Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität zeigt, dass ein nachhaltiger Wandel nicht allein vom individuellen Engagement abhängt, sondern grundlegende Veränderungen in den organisatorischen und kulturellen Rahmenbedingungen der medizinischen Versorgung erfordert.
Und sie hat darüber hinaus auch unmittelbare Auswirkungen auf die psychische Gesundheit der behandelnden Ärztinnen und Ärzte. Die Möglichkeit einer offenen und ehrlichen Kommunikation über Fehler wird von vielen als entlastend erlebt und kann bedeutend zur Verarbeitung des Geschehens beitragen. Wird hingegen – etwa durch äußere Vorgaben oder impliziten Druck – Schweigen erwartet, verstärkt dies häufig die innere Belastung und kann die Problematik der sogenannten „Second Victims“ erheblich verschärfen.
Die Konsequenzen für Opfer von Behandlungsfehlern
Machtmissbrauch in der Medizin beschränkt sich jedoch nicht nur auf das Verhältnis zwischen Ärztinnen und Ärzten, sondern zeigt sich auch in der Beziehung zwischen medizinischem Personal und Patientinnen und Patienten, welches ebenfalls von starken Abhängigkeiten geprägt ist.
Patient:innen sind somit nicht nur indirekt von Machtmissbrauch in der Medizin betroffen, sondern auch direkt. Ein besonders zentraler Aspekt ist dabei die unzureichende oder vollständig ausbleibende Kommunikation mit den Betroffenen nach bekannten fehlerhaften Behandlungsverläufen. Wiederholt wird beobachtet, dass relevante Informationen nicht offen weitergegeben oder bewusst zurückgehalten werden.
Dadurch entsteht das Gefühl, dass der bestehende medizinische Wissensvorsprung gegenüber den betroffenen fachlichen Laien in solchen Situationen gezielt oder zumindest faktisch ausgenutzt wird. Die betroffenen Patientinnen und Patienten sind auf verständliche, vollständige und ehrliche Informationen angewiesen, um ihre Situation einschätzen und Entscheidungen treffen zu können. Wird dieses Wissensgefälle jedoch (aus)genutzt, um Sachverhalte zum Vorteil des Verursachers zu relativieren, zu beschönigen oder nicht vollständig darzustellen, verstärkt sich dieses Machtungleichgewicht an dieser ganz sensiblen Stelle erheblich.
Für die Betroffenen bedeutet dies nicht nur einen Mangel an Transparenz, sondern auch eine erhebliche Einschränkung ihrer Möglichkeiten, informierte Entscheidungen zu treffen, angemessene Nachsorge zu erhalten und das Geschehene aufzuarbeiten. Gleichzeitig wird das Vertrauen in die medizinische Versorgung nachhaltig erschüttert.
Ehrlichkeit hingegen könnte Vertrauen schaffen und wäre die Grundlage für eine angemessene weitere Behandlung sowie auch Grundlage für eine Aufklärung über die rechtlichen und medizinischen Möglichkeiten der Betroffenen.
Denn neben der akuten Behandlung spielt die Nachsorge eine entscheidende Rolle für die langfristigen Folgen eines Behandlungsfehlers. In vielen Fällen fehlt durch die grundsätzliche fehlende Kommunikation um das Vorliegen eines Behandlungsfehlers heute ebenfalls auch jede Form der strukturierten Nachsorge für Betroffene, die im besten Fall sowohl medizinische als auch psychologische Aspekte berücksichtigen würde. Die Betroffenen sind mit den Konsequenzen allein gelassen, was zu zusätzlichen gesundheitlichen und seelischen Belastungen führt, welche nicht zuletzt auch das Gesundheitssystem finanziell belasten und vermeidbare juristische Auseinandersetzungen initiieren.
Ein systematischer Ansatz zur Kommunikation und Nachsorge ist daher ein wesentlicher Bestandteil des Patientenschutzes und einer zeitgemäßen Gesundheitspolitik.
Fazit: Machtmissbrauch zwischen Ärztinnen und Ärzten hat tiefgreifende Auswirkungen auf die Patientensicherheit und den Patientenschutz.
Er behindert offene Kommunikation, verschlechtert die Arbeitsbedingungen und verhindert eine notwendige Weiterentwicklung der medizinischen Fehlerkultur. Die Erkenntnisse aus der Petition von PD Dr. Kara Krajewski und der Umfrage des Marburger Bundes verdeutlichen den dringenden Handlungsbedarf.
👉 Patientensicherheit beginnt nicht am Krankenbett – sondern in den Strukturen und der Kultur der medizinischen Organisationen.
Quellen und Weiterführende Fachliteratur*
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*Transparenzhinweis:
Liste der Fachliteratur ist u.a. ergänzend übernommen aus Petition gegen Machtmissbrauch / Change.org




